„Wir brauchen mehr Tüftler“

VDMA

Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen spricht VDMA-Präsident Carl Martin Welcker über die Unzufriedenheit der Maschinebauer mit der Bundespolitik, über wichtige ausländische Märkte und warum in Deutschland Erfindergeist und Qualität nicht verloren gehen dürfen.

VDMA-Präsident Carl Martin Welcker, im Interview der Augsburger Allgemeinen als mächtigster deutscher Industrie-Vertreter beschrieben, hält mit seiner Unzufriedenheit über die Bundespolitik nicht zurück: „Wir sehen die Politik der Bundesregierung sehr kritisch. Wir arbeiten nicht an der Zukunftsfähigkeit unseres Standorts. Das fällt uns irgendwann auf die Füße. Wir arbeiten uns an sozialen und ökologischen Themen ab. Das ist alles gut. Das muss man machen. Aber wir vernachlässigen andere Themen, die unsere Wirtschaft zukunftsfest machen.“

Die bisherigen Erfolge der deutschen Wirtschaft dürften nicht zufrieden für die Zukunft machen, vielmehr gelte es jetzt die Weichen für aktuelle und kommende Themen und deren Positionierung zu stellen. Ein Beispiel ist das Thema KI: „So müssen wir in Deutschland, was künstliche Intelligenz betrifft, mächtig gegen China gegenhalten. In den vergangenen Jahren ist hier viel zu wenig, ja gar nichts passiert“, mahnt Welcker.
 

„Wir müssen in Deutschland, was künstliche Intelligenz betrifft, mächtig gegen China gegenhalten. In den vergangenen Jahren ist hier viel zu wenig, ja gar nichts passiert.“

Mit Blick auf den wichtigen und viel gelobten Mittelstand in Deutschland fordert der VDMA-Präsident die Politik zu mehr konstruktiver Unterstützung auf, beispielsweise beim Thema Steuern. Welcker ist verärgert „…dass uns Mittelständlern und Personengesellschaften von der Politik immer zugerufen wird, wir würden steuerlich fair behandelt. Dabei werden die niedrigeren Steuersätze für Kapitalgesellschaften von rund 32 Prozent angeführt. Personengesellschaften zahlen aber über 50 Prozent. Darüber spricht keiner. Doch der Mittelstand besteht überwiegend aus Personengesellschaften. Und diese Firmen müssen eine gigantische Steuerlast stemmen. Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.“

Die Wirtschaft darf nicht in Haftung für politische Ziele genommen werden
Doch nicht nur zum Wettbewerb aus China und zur Steuerpolitik äußert sich der Familienunternehmer und Verbandspräsident. Auf die deutsche Sanktionspolitik gegenüber Russland angesprochen findet Welcker klare Worte:
„Völkerrechtliche Verletzungen, wie sie Russland auf der Krim begangenen hat, müssen geahndet werden – und das auch mit Sanktionen. Mein Appell an die Bundesregierung lautet aber: Nach nun schon fünf Jahren Sanktionen muss man überprüfen, ob diese wirklich etwas bewirkt haben. Nach meinen vielen Gesprächen in Russland muss ich feststellen: Die politischen Auswirkungen der Sanktionen tendieren gegen null. Andererseits sind die Auswirkungen auf das Russlandgeschäft von deutschen Firmen immens.“

Vor diesem Hintergrund plädiert der Maschinenbau-Präsident für eine Bestandsaufnahme der Bundespolitik mit Blick auf die Sanktionen: was waren die Ziele, was wurde erreicht, was muss geändert werden? Hierzu sieht Welcker den Dialog zwischen Wirtschaft und Politik als wichtig an: „Ich plädiere hier für einen intensiven Austausch zwischen Politik und Wirtschaft. Und ich bin sicher: Auf den ein oder anderen Teil des Sanktionspakets kann man sicher verzichten.“ Generell warnt Welcker vor einer Instrumentalisierung der Wirtschaft in politischen Konfliktlagen: „Mir macht es generell große Sorgen, dass die Wirtschaft zunehmend in Haftung genommen wird, um politische Ziele durchzusetzen, ob es um Russland oder den Iran oder morgen vielleicht andere Länder geht. Solche Embargos gegen bestimmte Länder kosten auch bei deutschen Firmen Arbeitsplätze. Die betroffenen Mitarbeiter und Unternehmer können sich dann zu Recht fragen, wie sie dafür entschädigt werden.“

 

„Wir müssen aufpassen, dass wir den Erfindergeist nicht verlieren. Wir leben von unserer technologischen Exzellenz. Ohne ausreichend Facharbeiter und Ingenieure können wir unsere Spitzenstellung nicht behaupten.“

Trump und die deutsche Moralkeule
Auf die USA angesprochen reagiert Welcker nicht mit dem populären „Anti-Trump-Refelex“ sondern schlägt mehr differenzierte Analyse der Trump-Politik vor. „Ehe wir mit unserer deutschen Moralkeule auf Trump draufhauen, müssen wir verstehen, was in den USA vor sich geht. Trump ist lesbar. Was uns irrational erscheint, ist aus seiner Sicht rational. Wir müssen uns auf ihn besser einstellen, also unser Kartenspiel besser auf ihn ausrichten.“
Und bei aller Kritik an vielen politischen Entscheidungen des US-Präsidenten verheimlicht der VDMA-Präsident nicht, dass es für die deutschen Maschinenbauer mit Blick auf den
US-Markt unter Trump gut läuft: „Ja, er hat die US-Wirtschaft dereguliert und Unternehmen deutlich steuerlich entlastet. Davon profitieren auch deutsche Firmen, die in den USA produzieren. Die Unternehmenssteuerreform führt immer noch zu ordentlichen Wachstumszahlen in Amerika. Und die Arbeitslosigkeit ist seit Trumps Amtsantritt noch weiter zurückgegangen. Politisch hat er jedoch keine Pluspunkte gesammelt. Dennoch müssen wir uns Mühe geben zu verstehen, warum die Amerikaner diesen Präsidenten nicht völlig verdammen.“

„Wir brauchen mehr Tüftler und Technik-Besessene“
Tiefe Überzeugung und persönliche Erfahrung, selbst Maschinenschlosser und Wirtschaftsingenieur, sprechen aus Carl Martin Welcker wenn es um die Duale Ausbildung in Deutschland geht. „Ich bin ein großer Fan der dualen Ausbildung. Nicht alles, was man im Studium lernt, ist sinnvoll. Aber vieles, was man in der Lehre lernt, lässt sich über viele Jahre anwenden.“ Insbesondere für den Maschinen- und Anlagenbau und andere technische Industrien sieht er die hohe Bedeutung, die das Zusammenspiel aus Facharbeitern und Ingenieuren leistet. Nur so könnten Spitzenprodukte entstehen und sich weltweit einen Namen machen. „Wir müssen aufpassen, dass wir den Erfindergeist nicht verlieren. Wir leben von unserer technologischen Exzellenz. Ohne ausreichend Facharbeiter und Ingenieure können wir unsere Spitzenstellung nicht behaupten“, warnt Welcker. Sein Aufruf an alle Akteure: „Wir brauchen mehr Tüftler und Technik-Besessene“.

Lesen Sie das Interview mit VDMA-Präsident Carl Martin Welcker in der Augsburger Allgemeinen hier.